Domain Driven Design (DDD) leitet Lösungen aus den zugrunde liegenden fachlichen Problemstellungen ab. Das gilt auch für grundlegende Fragestellungen der IT-Strategie eines Unternehmens. Dieser Artikel beschreibt hierzu einige Gedankengänge auf Ebene des sogenannten strategischen Designs, die gewissermaßen zu einer Domänen getriebenen IT-Strategie führen.

Kosten vs. Nutzen

Die IT-Strategie arbeitet zentral immer über eine Einschätzung im Spannungsfeld von Kosten und Nutzen. Daraus leiten sich Fragestellungen ab wie z.B.:

  • Buy-or-Make: Welche Lösungen sollte mein Unternehmen einkaufen und welche Lösungen sollten individuell gefertigt werden?
  • Outsource-or-Insource: Welche Bereiche in der Systemwelt unseres Unternehmens können / sollten wir guten Gewissens an einen Dienstleister abgeben und welche sollten eng in unserer Hoheit bleiben?
  • Abhängigkeiten: Welche Abhängigkeiten spielen eine entscheidende Rolle für unser Geschäftsmodell?

    Effizienz vs. Zukunftsfähigkeit

    Bevor wir uns einigen Lösungsansätzen zu diesen Fragestellungen nähern, sollten aber noch einige weitere grundsätzliche Überlegungen in Betracht gezogen werden. Wer die obigen Fragestellungen zu eng betrachtet, der könnte geneigt sein zu denken, dass Themen wie „Effizienz“ hier eine vordergründige Rolle spielen. Hierzu möchte ich gleich darauf hinweisen, dass dies schnell in eine aus meiner Sicht falsche und überholte Ausrichtung der IT führt. Effizienzsteigerungen sind ein Blick in die Vergangenheit: „Wie können wir verbessern, was in der Vergangenheit nicht effizient war?“. Grundsätzlich ist dieser Blickwinkel valide und immer noch wichtig. Viel wichtiger und bedeutender ist aber der Blick in die Zukunft. Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran. Neue Technologien beispielsweise in den Bereichen Cloud, KI, IOT und auch bei der Applikationsentwicklung ermöglichen leistungsfähigere und effizientere Lösungen, aber sie erlauben es auch grundsätzlich neue Möglichkeiten zu schaffen. Digitale Services schaffen neue Zugänge zu Kunden oder binden Kunden langfristig. Die Intelligenz aus Daten spielt eine immer größere Rolle, Daten werden immer mehr zum Wirtschaftsgut.

    Ein Produkt, das dies sehr anschaulich und geradezu vorbildlich umsetzt, ist der Thermomix. Ein Küchengerät wurde digital erweitert. Der Thermomix bereichert viele Haushalte von Menschen, die sich gerne gesund und selbstgekocht ernähren und wenig Zeit haben. Zudem steigern digitale Rezeptvorschläge die Vielfalt und Abwechslung am Esstisch. Das Produkt ist ein Verkaufsschlager und die digitale Vernetzung hat dies ganz zentral bewirkt.

    Das zeigt, dass Branchen und Unternehmen, die in ihrer Natur in der Vergangenheit erst mal wenig digital anmuteten, immer digitaler werden. Es ist meiner Meinung nach offensichtlich, dass sich branchenübergreifend alle Unternehmen über kurz oder lang diesbezüglich weiter entwickeln werden müssen!

    Zu den obigen Fragen wäre also beispielsweise zu ergänzen:

    • Marktdifferenzierung: Haben wir digitale Lösungen, die einen Wettbewerbsvorteil am Markt erzielen? Oder wie können wir über digitale Ansätze explizit Alleinstellungsmerkmale erreichen?

      Veränderung

      Eine weiterer nicht zu vernachlässigender Aspekt spielt rund um das Thema „Veränderung“. Es gibt vielerlei Auslöser und Treiber für Veränderungen in Unternehmen, seien es (globale) Trends, Veränderungen in der Politik, Veränderungen im Markt, technische Neuerungen oder generell neue Ideen. Wichtig dabei ist, dass man sich gegen viele Dinge, die Veränderungsdruck erzeugen, nicht verwehren kann oder auch nicht sollte. Unternehmen sollten darauf ausgelegt sein, auf Veränderungsdruck reagieren und sich anpassen zu können. Die hierfür erforderliche Eigenschaft der „Adaptivität“ wurde in diesem Blogartikel detailierter beschrieben. Wichtig zu wissen ist, dass die mit einer ausgeprägten Anpassungsfähigkeit einhergehenden hohen Qualitätsansprüche an technische Lösungen nicht in jedem Bereich haltbar sind („Kosten vs. Nutzen“).

      Eine weitere Ergänzung zu den obigen Fragestellungen in Bezug auf Veränderungsdruck wäre also:

      • Veränderungen: Wie sollte sich mein Unternehmen bzgl. der IT Strategie für eine passende Beantwortung hinsichtlich Veränderungen bspw. in den Produkten, Prozessen und der Folge in den zugehörigen Systemen aufstellen?
      Einteilung in Subdomains als Grundlage einer Domänen getriebenen IT-Strategie

      Strategic Design

      Nachdem wir nun einige Fragen gesammelt haben, die typischerweise aus Sicht der IT Strategie von Bedeutung sind, stellt sich die Frage „Und was hat das mit Domain Driven Design zu tun?“. DDD geht grundsätzlich von der Idee aus, dass Lösungsansätze aus der Betrachtung der Domäne des Unternehmens abgeleitet werden müssen. Es gibt für die genannten Fragestellungen keine Musterlösung, die sich allgemein anwenden lässt. Die Einbeziehung der Domäne und sich daraus ergebenden Rahmenbedingen spielen eine zentrale Rolle. DDD bietet dabei aber ein strategisches Metamodell, das beim Einbeziehen der Domäne hilft. Das wollen wir im Folgenden genauer erläutern.

      Komplexität

      Bei DDD kann man die Gesamtdomäne eines Unternehmens in sogenannte Subdomains unterteilen. Diese lassen sich gemäß zweier Kriterien einfach klassifizieren. Im obigen Schaubild beschreibt die vertikale Achse im obigen Schaubild den Grad der Komplexität, die in einer Subdomain herrscht. Eine häufig gestellte Frage hierzu ist „Was heißt hohe Komplexität?“. Im Sinne einer Softwarelösung gilt z.B.: Wenn eine einfache Datenerfassungsmaske und Datenanzeige für die Lösung ausreicht, dann ist die Komplexität eher niedrig. Bei einer hohen Komplexität werden die Daten typischerweise über viele teilweise automatisierte und auch von Menschen gesteuerte Verarbeitungsschritte verarbeitet. Der Zustand der Daten verändert sich, es werden Informationen ergänzt, aktualisiert, berechnet, verknüpft usw. Es gibt eine größere Anzahl an Regeln und Ausnahmesituationen, die in den Abläufen in der Domäne zu beachten sind. Es geht nicht nur um die Verwaltung von Daten, sondern um ein komplexes Verhalten rund um die Daten. Dabei ist hier insbesondere die Komplexität gemeint, die sich aus rein fachlichen Notwendigkeiten ergibt.

      Ein typisches konkretes Beispiel dazu wäre ein Beschaffungsprozess. Er umfasst mehrere Schritte, die selbst wiederum mit einer Vielzahl an Situationen umgehen können müssen und je nach Unternehmen, Art der Produkte usw. unterschiedlich gestaltet sein können. Beispielsweise könnte eine sinnvolle Schrittfolge lauten Bedarfsermittlung, Lieferantenbeschaffung, Lieferantenbewertung, Vertragsverhandlungen, Auftragsvergabe, Waren- oder Leistungsempfang, Waren- oder Leistungsprüfung, Zahlungen leisten. Wir sehen sofort, ohne in weitere Details abzutauchen, dass hier eine massive fachliche Komplexität zugrunde liegt.

      Einteilung in Subdomains

      Die horizontale Achse im obigen Schaubild beschreibt den Beitrag zur Differenzierung am Markt. Ein USP (Unique Selling Point) liefert den maximalen Beitrag zur Differenzierung am Markt. Wie die Aufteilung in sinnvolle Teilbereiche erfolgt und wie diese abgegrenzt werden, ist dabei nicht vorgegeben. Meist kann man aber für den Start die gegebene Aufteilung und Struktur des Unternehmens in Abteilungen oder unterschiedliche „Fachbereiche“ als Ausgangspunkt nehmen. Dadurch ergeben sich typischerweise 3 Klassen von Subdomains:

      1. Generic Domains repräsentieren Konzepte, die nicht einzigartig für unsere Domain sind, wie z. B. Benutzeridentität, E-Mails senden, Finanzbuchhaltung.
      2. Supporting Domains sind geschäftsnotwendig und enthalten Konzepte, die für den jeweiligen Bereich relevant sind, aber der Mehrwert ist begrenzt.
      3. Core Domains sind die Teile des Systems mit dem höchsten Mehrwert (Business Value) für das Unternehmen. Core Domains sind inhärent komplex. Wären sie zu einfach strukturiert, kann die Konkurrenz sie jedenfalls schnell ähnlich gut abbilden.

      Tendenzielle Empfehlungen

      Buy-or-Make Outsource-Or-Insource Abhängigkeiten Marktdifferenzierung Veränderungen
      Generic Domain Tendenz zu Buy: Standardsoftware oder SaaS, für generische Domänen gibt es meist „fertige“ Lösungen Hohes Potential für Outsourcing Schnittstellen- und Integrationsfähigkeit ist von Bedeutung. Gering, dennoch sind Generic Domains oft in hohem Maße für eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit notwendig. Fokus liegt auf Effizienz. Der Veränderungsdruck ist meist eher gering, eine gewisse Veränderungs-/Anpassungsfähig-keit sollten Produkte out-of-the-box mitliefern.
      Supporting Domain Abhängig davon, ob es passende Standardlösungen gibt und auch von der Abhängigkeit bzgl. der Beeinflussung der Lieferfähigkeit der Core Domains. Bei niedrigem Komplexitätsgrad und/oder niedriger Veränderungsfrequenz Potential für Outsourcing. Die Abhängigkeiten zu der/den Core Domains sind von besonderer Bedeutung. Kann höher sein, bietet aber meist nicht dauerhafte Differenzierungsmerkmale (Fokus abhängig vom Zusammenspiel mit den anderen Subdomains). Getrieben meist durch anknüpfende Core Domains oder technologische Entwicklung.
      Core Domain Tendenz zu Make: Alleinstellungsmerkmale können per Definition nicht „off-the-shelf“ eingekauft werden. Tendenz Insource Empfehlung: Dienstleister können unterstützen (KnowHow, Transformationsunterstützung), aber zu hohe dauerhafte Abhängigkeiten zu Dienstleistern können hier risikobehaftet sein und reduzieren u.U. die stetige Weiterentwicklungsfähigkeit (s. Veränderungen). Die Wirkungsfähigkeit der Core Domain darf nicht blockiert werden. Sollte per Definition maximal, deshalb macht es Sinn bei begrenzten Ressourcen, hier mehr zu investieren als in anderen Bereichen. Fokus liegt auf Business Value. Hier liegt ein Teil der IP (Intelectual Property) des Unternehmens. Reaktionsfähigkeit auf Veränderungen ist von sehr hoher Bedeutung, um Wettbewerbsvorteile dauerhaft zu behaupten und auf den Markt reagieren zu können.

      Entscheidend ist die Geschäftsstrategie

      Ein ganz zentraler Punkt bei dieser Hilfestellung ist aber, dass die Klassifizierung einer Subdomain in höchstem Maße von der Geschäftsstrategie abhängt: Was genau für ein Unternehmen eine Core Domain ist, hängt von der Geschäftsidee und der strategischen Ausrichtung ab. Beispielsweise kann in einem klassischen E-Commerce Geschäft der Bereich der Warenzustellung nur eine unterstützende Funktion haben (Supporting Domain). Ist nun aber die Geschäftsstrategie darauf ausgerichtet, den Zustellungsprozess mit besonderen Fähigkeiten auszustatten und so gewisse Marktsegmente zu erobern (z.B. „Garantierte Zustellung innerhalb von 1h an jeden Ort innerhalb der EU“), dann erfordert die Organisation und auch technische Abbildung eine besondere Behandlung. Auch von der strategischen Bedeutung her wird dieser Bereich zur „Core Domain“ und bedarf so auch im Rahmen der IT-Strategie einer erhöhten Aufmerksamkeit.

      Die Klassifizierung ändert sich

      Entsprechend der Änderungen in einer Geschäftsstrategie ändert sich auch die Klassifizierung der Subdomains im Unternehmen. Durch neue Schwerpunkte kann sich eine zuvor unterstützende Funktion in eine Kernfunktion/-fähigkeit entwickeln. Dies betrifft auch Einflüsse von außen. Denn genauso kann ein voriger Kern vom Wettbewerb „eingeholt“ werden und wird somit zu einer Supporting Domain oder wenn sich beispielsweise neue „Standards“ etablieren sogar zur Generic Domain.

      Der Schnitt der Gesamtdomäne kann sich auch ändern. Teile einer Subdomain können sich weiterentwickeln und mehr Gewicht erlangen, beispielsweise auch durch eine organisatorische Umgestaltung, dass es sinnvoll ist, sie als eigenständige Subdomain zu betrachten. Dies hat in der Folge natürlich auch Einfluss darauf, wie die IT-Strategie für die jeweiligen Subdomains langfristig angepasst werden muss. Die Betrachtung sollte also regelmäßig überprüft und wiederholt werden, um sich passend auszurichten. Weitergehende interessante Gedanken bzgl. der Evolution der Domäne aus einer strategischen Perspektive finden sich unter anderem hier.

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      Mario Herb

      Mario Herb

      VP Digital Innovation & Digital Architect

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